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Börsennotizbuch

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Bernankes Reden vor dem Kongress

22. Juli, 2009 ·

Als Schlüsselereignis der Woche zeichnen sich klar die Reden (bzw. die Berichte) von Fed-Chef Ben Bernanke vor dem US-Congress ab (genauer: vor den Kongressausschüssen; gestern vor dem House Committee on Financial Services, heute vor dem Senate Banking Committee).

Neben dem Report über Zustand und Richtung der US-Wirtschaft stand dieses Mal die Frage, wie die Fed mit der zurzeit außergewöhnlich expansiven Geldpolitik verfahren wird, im Fokus des Interesses.

Denn, um die bitter notwendige Liquidität zu sichern und das stark beschädigte Vertrauen im Finanzsystem zu retten, sah sich die Fed gezwungen, zahlreiche Sondermaßnahmen zur kurzfristigen Liquiditätssicherung zu treffen und eine exzeptionelle Ausweitung ihrer Bilanz zuzulassen. Die riesige Liquidität, die auf diese Weise ins System injektiert wurde, schlummert zwar noch größtenteils als Banken-Assets zinsbringend - ein Novum für die USA - wieder bei der Fed geparkt, aber sollte die Konjunktur irgendwann wieder an Fahrt gewinnen, dürfte dieses Geld den Weg in den Wirtschaftskreislauf finden und einen hohen Inflationsdruck verursachen.

Ben Bernanke machte vor dem Congress und auch in einem Artikel im Wall Street Journal (noch vor seiner Rede) deutlich, dass die Fed intensiv an einer sog. Exit-Strategie gearbeitet habe und über zahlreiche Mittel verfüge, mit Hilfe derer sie die Liquidität unter Kontrolle halten kann.

(Bei der ganzen Angelegenheit lohnt es sich zu bedenken, dass neben niedrigen Zinsen und Sondermaßnahmen auch ein riesiges Konjunkturpaket mit entsprechendem Inflationspotenzial “heranrollt”).

Also wird seit längerem diskutieren, ob die Fed tatsächlich auf ausreichend gute Mechanismen zurückgreifen kann, um die überschüssige Liquidität abzuschöpfen. Diese Diskussion halte ich allerdings für überflüssig. Die Fed hat die Mittel. Die wichtige Frage lautet: Wird die Fed sie zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Umfang einsetzen?

Sollte sie zu früh restriktiv werden, läuft man die Gefahr, eine noch schwache Konjunktur wieder abzuwürgen — dann kommt es zur sog. W-Rezession. Bliebe die Fed zu lange zu expansiv, droht Inflation und womöglich die Bildung einer nächsten ungesunden Blase.

Uns sollte klar sein, dass ein “Fehler” passieren wird.

Keiner kann die Geldpolitik exakt einer Ideallinie entlang steuern. Dafür gibt es einfach zu viele Unbekannten und Unwägbarkeiten. Normalerweise versucht die Fed, gewisse Zielprioritäten zu setzen und das Fehler-Risiko in eine bestimmte Richtung zu minimieren (in Kauf nehmend, dass auf einer anderen Seite mehr Risiko entsteht). Bernanke machte deutlich, dass (im Zweifel) das Wirtschaftswachstum die höhere Priorität besitzt. Man kann erwarten, dass die US-Zentralbanker lieber die Konjunktur etwas mehr anheizen würden (auch wenn dies höhere Inflation bedeuten soll) als ein erneutes Abrutschen in die Rezession zu riskieren.

Das ist übrigens auch die historische “Norm”. Zumindest für die Zeit nach 1945. Ein möglicher Grund dieser Politik (sich lieber auf der Inflationsseite zu irren) ist die schlechte Erfahrung aus den 30er. Damals führte eine inkonsequente Geldpolitik (übrigens auch Fiskalpolitik), die zu früh restriktiv wurde, in der Periode 1937-1938 zu einer “zweiten” Rezession.

Auf der anderen Seite haben wir das negative Beispiel einer zu expansiven Geldpolitik noch sehr frisch in Erinnerung. Zumindest hat sich ein solcher Konsens über die Geldpolitik von Alan Greenspan in den Jahren 2002-2004 gebildet. (Ich persönlich teile diese Einschätzung nicht ganz, aber es ist an dieser Stelle nicht so wichtig). Trotzdem fühlte sich die Expansion zunächst alles andere als unangenehm an. Politiker wie Zentralbanker würden sich alleine bei der Ansicht einer Arbeitslosenquote von knapp 10% schon gern “ein bisschen” mehr an solchen Empfindungen wünschen…

Mit einem Wort: Welcher geldpolitischen Linie die Fed folgen wird, sollte man genau beobachten. Die Chancen stehen jedoch eher auf “pro Wachstum”, sprich: “im Zweifel expansiver als notwendig”. Für die Aktien sind das nicht die schlechtesten Perspektiven.

Kategorien: Frontpage · Gesamtmarkt · Inflation · Zinsen

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